15.07.2017

# Garderobe

Ambivalenzen



Im Internet hat jeder eine Stimme. Wenn es eine Errungenschaft der gegenwärtigen Zeit gibt, dann ist es die, dass jeder der breiten Öffentlichkeit mitteilen kann, was er zu sagen hat. Ob es das tatsächlich wert ist und/oder ob es wirklich jemand bemerkt, ist natürlich eine andere Sache. Aber die vernetzte Gesellschaft bietet zumindest nie da gewesene Möglichkeiten für jeden, sich in irgendeiner Form Gehör zu verschaffen, sich mit anderen zu verbinden und seine Standpunkte zu vertreten. Wenn etwas im Internet steht, kann es potentiell von jedem gefunden und wahrgenommen werden.

Diese Tatsache führt zu Phänomenen, die mir in Momenten, in denen ich an der Menschheit zweifele, wieder ein wenig Hoffnung geben. Hoffnung darauf, dass in mittelferner Zukunft doch nicht alles vor die Hunde geht. Weil es immernoch einen ganzen Haufen von Leuten gibt, denen der gesunde Menschenverstand nicht abhanden gekommen ist und die Problemen und Diskussionen nicht mit Gewalt und  Chaos begegnen.
Vergangene Woche hatte ich - wie viele andere sicher auch - so einige Zweifelmomente. Beim G20-Gipfeltreffen fanden sich die 19 angeblich wichtigsten Industrie- und Schwellenländer und Vertreter der EU zusammen, um sich über die Geschicke des Weltgeschehens zu beraten. Kritik daran sehe ich nicht nur als berechtigt, sondern sogar als notwendig im öffentlichen Diskurs an. Aber darum soll es selbstverständlich hier nicht gehen - wie es eigentlich in 80% der Berichterstattung über das Gipfeltreffen auch nicht um die inhaltlichen Aspekte ging, sondern um das Drumherum im Austragungsort Hamburg. Denn die Schanze hat gebrannt. Das diplomatische Treffen, das darüber verhandelte, welche Menschen in nächster Zeit für den eigenen Wohlstand ausgebeutet werden dürfen und daher genuin selbst gewaltbereit ist oder zumindest Unterdrückung in Kauf nimmt, wurde überschattet von unmittelbaren Gewalttaten, unfassbaren Aggressionen sowie herz- und sinnlosen Angriffen auf völlig Unbeteiligte. Eigentlich eine ganz treffende Analogie. Dennoch oder gerade deshalb genauso scharf zu kritisieren. 

Die Lage eskalierte natürlich hauptsächlich zwischen der schwer hochgerüsteten Polizei und erst einmal den in Hamburg ansässigen Linksautonomen. Wie genau es dazu kam und wer wann welche Fehler begangen hat, lässt sich natürlich nur schwer nachvollziehen und je nachdem, auf welcher Seite Augenzeugen gestanden haben, verschiebt sich auch der Blickwinkel auf die Ereignisse. Einen sehr objektiven Beitrag dazu hat der WDR produziert (gibt es hier), der genau diese Tatsache verdeutlicht. Fakt ist, dass beide Seiten eine Eskalation bereits im Vorfeld angekündigt hatten und es daher kaum verwunderlich ist, wie sich die Lage entwickelt hat. Eine relativ kleine Menge an schwarz vermummten Personen kann schnell dazu führen, dass die Stimmung bei einer friedlichen Demonstration ins Aggressive umkippt, denn mit einer Schwarzen-Block-Formation verstehen die Polizeibeamten keinen Spaß. Und genauso passieren unrechtmäßige und unverhältnismäßige Übergriffe auf Zivilpersonen - wenn die Polizisten nicht mehr unterscheiden können, wer Aggressor ist, müssen alle greifbaren Menschen im Umfeld damit rechnen, niedergeknüppelt zu werden. Es gibt in diesem Fall leider kein schwarz-weiß, keine gut/böse - Dichotomie, sondern eine von beiden Seiten geförderte Gewaltanwendung, die das politische Geschehen in den Schatten gestellt und den Blick von den vielen kreativen und gewaltfreien Protesten abgelenkt haben.

Das alles aus relativer Nähe mitzubekommen (schließlich bin ich Wahlnordlicht und nah dran an der schicken Hansestadt), ist schon ganz schön heftig gewesen. Desillusionierend. Verstörend. Und im Grunde immernoch unfassbar für mich.
Aber zum Glück begegnen einem im Internet nicht nur die Videos mit Wasserwerfern und Ziegelsteinen, die Kampfaufrufe und fadenscheinige Rechtfertigungsversuche. Man findet auch Beiträge von Hamburgern und Polizisten gleichermaßen, die sich stark von den Krawallen distanzieren und diese Ausschreitungen auf beiden Seiten verurteilen. Leute, die sich nach dem Wochenende getroffen haben, um die Stadt gemeinsam aufzuräumen, nachdem sie in einem infantilen Perpetuum Mobile zerlegt worden ist. Da ging mir dann wieder ein bisschen das Herz auf.

Das Internet wird oft als eine Art Teufelswerk dargestellt, weil rechte Hetze und Hasskommentare zu dominieren scheinen. Aber es kann auch dieser virtuelle Ort sein, wo sich Menschen zusammenschließen, um gemeinsam ein bisschen mehr Gutes in die Welt zu bringen. Hochwasseropfern helfen, Bedürftigen Kleidung zu spenden oder eben in Hamburg den Besen zu schwingen. Und dann ist es ein ganz zauberhafter Ort - man muss sich eben einfach da umschauen, wo es sich lohnt ♥

Kommentare:

  1. Ich fand die öffentlichen Diskussionen zu den Unruhen beim G20-Gipfel furchtbar anstrengend. Und zwar deshalb, weil scheinbar fast jeder, der sich dazu geäußert hat, nicht in der Lage war, den Schluss zu ziehen, den du hier ziehst: Dass beide Seiten Fehler gemacht haben, es auf beiden Seiten eskaliert ist, was nicht hätte passieren müssen, und Gewalt auf einer Seite zu verurteilen nicht heißt, dass man sie auf der anderen gutheißt.
    Wenn jemand das Vorgehen der Polizei kritisierte, hieß es zB oft, er würde also den Schwarzen Block unterstützen, und wenn man die gewalttäten Demonstranten kritisierte, bedeutete das für einige offenbar, dass man Fan von Polizeigewalt und überhaupt der ganzen Politik war.
    Und wenn sich dann Linke von der linken Gewalt oder Polizisten von der Polzeigewalt distanzierten, hieß es gleich, sie würden die verharmlosen. *seufz*!¥

    Über die Bilder von Menschen, die zusammen die Schanze wieder aufgebaut haben, habe ich mich auch gefreut. Immerhin etwas Positives in dieser Diskussion.

    Liebe Grüße,
    Charlie

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dito - vor allem natürlich auf Facebook in den Kommentarspalten, aber auch sonst in den Berichterstattungen war eine fast unerträgliche Schwarz-Weiß-Malerei. Zumindest anfänglich, dann wurde auch das schon differenzierter zum Glück.
      Es ist halt sowieso ein merkwürdiges Phänomen, dass wenn eine Sache kritisiert wird, sofort Kommentare kommen wie "also unterstützt du die Gegenseite?!" oder "und was ist mit den und den und den Sachen, die alle falsch laufen, warum kritisierst du nicht das? Findest du das etwa gut??"
      Super seltsam die Leute.

      Liebe Grüße
      Mel

      Löschen